Premiere "Nördlich des Polarkreises liegt Hamarøy"
„Kaffepausen sind auch wichtig!“ Doch das muss Olav Magnusson erst noch lernen, als er den Kirchenchor in Hamaroy zu Höchstleistungen antreiben will. Der berühmte Dirigent ist nach einem schweren Zusammenbruch in sein Heimatdorf zurückgekehrt und will eigentlich nichts mehr von der Welt wissen. Seine Nachbarn und vor allem die Chormitglieder holen ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Doch dazu gehören auch Konflikte, Kindheitstraumata, Intrigen bis hin zu den üblichen zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen – und eben auch die Kaffepause, die vieles wieder ins Lot bringt.

Mit diesem Mikrokosmos des abgelegenen norwegischen Dörfchens Hamaroy zog die Theatergruppe an der Kaiser-Karl-Schule (KKS) ihr Publikum im ausverkauften Theater Itzehoe in den Bann. Im Mittelpunkt steht die Leidenschaft für die Musik, die die Dorfbewohner letztlich über alle Konflikte hinwegträgt und auch Dirigent Olaf Magnussons Traum erfüllt: Er wollte mit ihr einen Weg direkt ins Herz der Menschen finden, hat diesen aber mit dem Leistungsdruck seiner Karriere aus den Augen verloren und nun im kleinen Hamaroy und – wie sich am Schluss tragisch zeigt - auch am Ende seines Lebens vollendet.
Viele Chorszenen, das Obertonsingen und vor allem die auf Norwegisch vorgetragenen alten Volkslieder begeisterten das Publikum, das die Leistung der jungen Darsteller am Schluss mit „standing ovations“ sowie mit viel Szenenapplaus honorierte.
Regisseurin Doris Brandt-Kühl, die die Theatergruppe an der KKS seit 31 Jahren leitet, setzt mit der Eigenproduktion „Nördlich des Polarkreises liegt Hamaroy“ und auch einem neuen verjüngten Ensemble auf die leisen eindringlichen Töne. Sie bringt viele ausgefeilte körpersprachliche Psychogramme auf die Bühne, die die ausgereifte, sorgfältige und detailgenaue Arbeit zeigen, die dieses Theatergruppe seit vielen Jahren auszeichnet. Das zeigt sich bis hin zu den poinitert choreografierten „Schatten¬bildern“, bei denen der Chor im Halbdunkel bleibt und das Licht die Soloszenen fokussiert.
Viel Mut gehörte auch zur Einbindung und Darstellung des geistig behinderten Ole (Fabian Voß), der seine Mitmenschen – und auch die Zuschauer – zur Empathie führt. Aber es hat sich gelohnt: Die Szene, in der sich Ole nach dem Einnässen säubern lässt, gehört in ihrer schlichten Direktheit zu den Höhepunkten dieser sensiblen Inszenierung. Auch das psychologische Profil des verklemmt-bigotten Pastors (Christoph Bressler) mit seiner herzlich-natürlichen Frau Kristina (Anne Patzer) und dem nervig-umtriebigen Kaufmann Gustav (Niels Hahn) als Antipoden ist sehr gelungen. Ebenso wie Franziska (Frederike Wettcke) letztlich ihrem gewalttätigen Ehemann Mikkael (Martin Harms) Paroli bietet und wie der stetig verunglimpfte Hakon (Lasse Bodenstein) den anderen den Spiegel vorhält.
Diese Szenen zeigen die menschlichen Abgründe, aber auch, wie sie aufgefangen werden können. Die immer wieder aufscheinende sehr humorvolle Seite dieses Stücks gipfelt in den Szenen, in denen die herzerfrischend fröhliche Marie (Anna Kanehls) Dirigent Olav Magnusson (Alexander Masuch) das Radfahren und Skaten beibringt.
Doris Brandt-Kühl hat mit ihrer neuen Truppe nicht nur wieder einige Talente zur Entfaltung gebracht, sondern auch für alle 22 Mädchen und 13 Jungen aus der achten bis 13. Klasse die ideale Rolle gefunden. Kollegen und Eltern durften staunden ganz an ihren Schülern beziehungsweise Kindern entdecken.
Am 16. Mai bietet sich erneut die Gelegenheit, im theater itzehoe mit einer ergreifenden Story Jugendtheater auf höchstem Niveau zu erleben.
Gabriele Knoop